Liebfrauenburg

Der Name „Liebfrauenburg“ geht auf den Orden der „Schwestern Unserer Lieben Frau“ zurück. Dieser Orden hat nicht nur hier, sondern auch wenige Schritte entfernt im Schlosspark – früher „Liebfrauenpark“ genannt - eine prägende Rolle für die Geschichte der Stadt Coesfeld gespielt. Das 1476 an dem Ort des heutigen Krankenhauses gegründete Annunziatinnenkloster „Annathal“ wurde wie alle Klöster im sogenannten Reichsdeputationshauptschluss von 1803 aufgelöst. Zuerst war angedacht das Kloster für den Rheingrafen Friedrich aufwendig umzubauen. Dieser Umbau wurde jedoch nie realisiert. Von 1814 – 1828 war in dem Gebäude kurzfristig das Gymnasium untergebracht. Danach stand es für einige Jahre leer. Das frühe 19 Jahrhundert war eine Zeit voller Umbrüche. Seit 1815 war das ehemalige Fürstbistum Münster eine preußische Provinz geworden. Damit hatten sich Verwaltungsstrukturen und Zuständigkeiten verändert. Wirtschaftlich war es eine sehr schwierige Zeit. Missernten führten zu Hungersnöten und sozialem Elend. Unter der Armut litten vor allem auch die Kinder.

Direkt am Markplatz neben der Lamberti Kirche befand sich damals die Lambertischule. Dort arbeiteten die beiden Lehrerinnen Elisabeth Kühling (1822 – 1869) aus Münster und Aldegonde/Hilligonde Wolbring (1828 -1889) aus Bocholt. Sie waren jeden Tag mit dem Leid der Kinder konfrontiert und wollten versuchen deren Lebenssituation zu verbessern. Dazu bezogen sie zusammen mit einigen Kindern ein Haus in der Süringstraße. Von diesem Engagement liessen sich auch andere Frauen anstecken, die durch eine bessere Bildung etwas gegen das Leid der Menschen und vor allem der Kinder unternehmen wollten. Der Bedarf war so groß, dass das Haus an der Süringstraße bald zu klein war.

 So zog die Gemeinschaft der Frauen und Kinder in das leerstehende „Annathal“. Einige Zeit später begründeten sie hier eine Ausbildungsstätte für Lehrerinnen. Der damalige Kaplan Theodor Elting von der Lamberti Kirche kannte Schwestern des Ordens Unserer Lieben Frau in Amersfoort in den Niederlanden. Diese wiederum gingen auf die Gemeinschaft in Namur der Schwestern Unserer Lieben Frau zurück, deren Gründung 1804 durch Julie Billiart erfolgte. Vor diesem Hintergrund ermutigte er Elisabeth und Aldegonde selber einen Orden zu gründen. Die niederländischen Schwestern unterstützten die Frauen in Coesfeld beim Aufbau dieses Ordens. Elisabeth Kühling und Aldegonde Wolbring waren nun als Schwester Maria Aloyisia und Schwester Maria Ignatia des Ordens Unserer Lieben Frau bekannt. Der große Zuspruch blieb bestehen. Vor allem vom Niederrhein, aber auch aus Regionen außerhalb Preußens kamen Bitten um Schwestern, die als Lehrerinnen, Kindergärtnerinnen oder in Armenhäusern arbeiteten sollten. Innerhalb von 22 Jahren gründeten sich so über 30 Niederlassungen dieses Ordens.

Reichskanzler Otto von Bismarck ordnete ab 1871 Maßnahmen gegen den Einfluss der katholischen Kirche im Deutschen Reich und Preußen an. Dazu gehörte z. B., dass es keine geistlichen Schulträger mehr geben konnte und auch die Auflösung der Klöster. Zum Orden  der Schwestern Unserer Lieben Frau gehörten zu dem Zeitpunkt mehr als 200 Frauen. Um sich weiterhin als Ordensschwestern für die Benachteiligten einsetzen zu können, verließen die Schwestern Preußen und damit auch Coesfeld und das Kloster Annathal. Bereits 1870 hatte der Bischof von Cleveland um Schwestern für seine Schule gebeten. Am 19. Juni 1874 brachen Maria Aloysia und andere Schwestern in die USA auf. Dort angekommen wirken sie als Lehrerinnen, versorgten Waisen und Kranke oder arbeiteten in der Altenbetreuung. Die Schwestern gingen aber nicht nur in die USA, sondern auch z. B. in die Niederlande. So begann die weltweite Ausbreitung des Ordens. Im Mai 1887 endete der Kulturkampf zwischen der katholischen Kirche und dem Deutschen Reich. Nun war es den Schwestern möglich zurückzukehren. Das neue Mutterhaus entstand in Mühlhausen am Niederrhein. Erst 1950 kehrte der Orden zurück nach Coesfeld.

Das ehemalige Jesuitenkolleg nur unweit vom Annathal entfernt, ging 1803 in den Besitz der Fürsten zu Salm-Horstmar. Es wurde zum Sitz der fürstlichen Verwaltung und wird seitdem als Stadtschloss bezeichnet. Dieses Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört und stand 1950 zum Verkauf. Die Schwestern kauften das Gebäude und bauten es wieder auf. 1954 nahm die Liebfrauenschule ihren Lehrbetrieb auf. 1978 kaufte die Stadt das Schloss als Verwaltungsgebäude. Die Schwestern zogen in das neue Kloster Annenthal am Gerlever Weg. Die Liebfrauenschule behielt ihren Sitz in der Kuchenstraße. Heute gibt es über 2.000 Schwestern  des Ordens Unserer Lieben Frau, die sich weltweit für die Verbesserung der Lebensbedingungen von vor allem Kindern und Frauen engagieren. In jedem der Ordenshäuser weltweit hängt eine Nachbildung des Coesfelder Gabelkreuzes. So wird die enge historische Verflechtung des Ordens mit der Geschichte Coesfelds deutlich. Die Erinnerung an die Ursprünge ihrer Geschichte wird auch im Annenthal wachgehalten. Neben einer Ausstellung zur Geschichte des Ordens, befindet sich im Garten des Annenthals auch eine Marienstatute, die bereits 1850 am Eingang des Klosters Annathal gestanden hatte. Auch die Glocke von 1850 befindet sich im heutigen Kloster Annenthal und dient als Blickfang im überdachten Innenhof.

 

 

 
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